Story, Travel

Patagonien für Anfänger


Patagonien war ein Ziel des Herzens, schon immer wollte ich die Landschaft „am Ende der Welt“ erleben. Dieses Jahr passte es gut, deshalb: Liebste überredet, kurz entschlossen Flug & Camper gebucht, vier Wochen – super! Vor Ort hatte sich dann herausgestellt, dass vier Wochen doch etwas wenig war, für das was wir vorhatten. Wir fuhren von Santiago bis nach Punta Arenas, an der Küste der Magellanstrasse, Feuerland in Sichtweite. Insgesamt kamen wir auf 5000km.

Der Camper, mmh, da muss man schon sagen, die Ausstattung war eher rudimentär. Als wir ihn abholten, kam gerade ein Amerikaner an, der einen Camper zurückbrachte. Er hatte die gleiche Tour andersherum gemacht hat. Der Camper war ziemlich ruiniert, das Dach war eingedrückt. Er kam auf der Carratera Austral von der Piste ab und überschlug sich. Seine Bilanz dazu war, dass diese Art Fahrzeuge nicht für diese Strecke gemacht sind. Ich dachte noch: Amerikaner – kann sowieso nicht fahren. Heute würde ich ihm recht geben, es gibt bestimmt bessere Fahrzeuge gibt um Patagonien zu bereisen. Wir hatten auch einige brenzlige Situationen, aber wir kamen überall durch. Das nächste Mal würde ich mich aber auch für eine Allradvariante entscheiden.

Unser Wickedcamper hatte schon 75000km auf der Uhr, die Polster waren so durchgesessen, dass man das Gefühl hatte, auf dem Motorblock zu sitzen. Modell Chevrolet N300, ein amerikanisches Produkt, hergestellt in China. Untermotorisierter Hartplastikcharme. Aber Reifen waren neu, Ölwechsel auch, Radio lief auch. Ansonsten gab es Stauraum, eine Matratze, ein Kocher, zwei Klappstühle, Klapptisch, Kühlbox und Besteck. Und natürlich eine coole Lackierung  Los ging es! Tatsächlich standen zwischendurch immer mal wieder Leute an unserem Camper und machten Selfies. Einmal wurden wir von einem Fahrzeug hinter uns unter ständigem Hupen angehalten. Wir dachten schon es ist etwas kaputt, aber der Fahrer meinte nur, er wollte mal Hallo sagen, das steht ja auch auf dem Auto.

Den Teil der ersten 1100 km von Santiago nach Hornopiren, dem eigentlichen Beginn Patagoniens spare ich mir für einen anderen Beitrag. Los geht es mit der Fähre von Hornopiren nach Caleta Gonzalo. Das Wetter war die meiste Zeit sehr typisch für Patagonien, nämlich Regen. Und das ist ein Punkt, den man wirklich wissen sollte, wenn man einen Patagonienurlaub plant.Die Chance auf schönes Wetter ist zumindest im nördlichen Teil sehr gering. Im südlichen Teil ist es durch das große Eisfeld in direkter Nähe zur argentinischen Steppe fast immer extrem windig, oft auch so, dass geradeaus gehen schon schwierig ist. Die Winde entstehen durch den Temperaturunterschied der warmen Steppe mit dem Eisfeld. Dort wechselt das Wetter sehr schnell, man kann von strahlendem Sonnenschein, über Gewitter bis hin zum Schneesturm im Hochsommer alles haben.
Die Fahrt mit der Fähre ist für sich schon ein tolles Erlebnis. Nicht ganz so einfach ist das Buchen. Alle Reiseführer empfehlen die Buchung mindestens fünf Tage vor Antritt, die Buchung über die Webseite funktionierte bei mir aber nie, erst zwei Tage vor gewünschtem Termin hat es geklappt. Die Fähre war dann erst mal doch nicht so voll, viele buchten auch noch vor Ort das Ticket. Während der knapp vierstündigen Überfahrt durfte man sogar auf die Brücke. Überhaupt waren alle Chilenen, die wir getroffen hatten immer sehr nett und offenherzig. Die Fähre ist aktuelle die einzige Verbindung ohne riesigen Umweg um weiter in den Süden zu gelangen. Aktuell wird hitzig besprochen, ob eine Strasse durch die angrenzenden Berge gebaut werden soll. Das Gebiet ist ein Naturreservat, es gehörte Douglas Tompkins, dem ehemaligen Besitzer von The North Face und Esprit. Er hatte dort ein Gebiet von der Größe des Saarlandes und Hamburg nach und nach zusammengekauft und es unter Naturschutz gestellt. Hoffentlich bleibt das Gebiet in der bisherigen Ursprünglichkeit und Wildheit erhalten.

Nach dem Anlegen der Fähre in Caleta Gonzalo begann das berühmt-berüchtigte Abenteuer Carratera Austral erst richtig. Den Berichten zufolge sind schon viele Teile der Strasse asphaltiert und gut befahrbar. Scheinbar fuhren wir eine andere Strasse, die sehr selten asphaltiert war und immer mal wieder von einspurigen Waldweg zu Schotterautobahn wechselte. Zwischendurch kam mal wieder ein geteertes Stück, meist unmittelbar vor Ortschaften. Unser Chevrolet kämpfte tapfer. In Chaitén machten wir einen Übernachtungsstopp, leider war es so regnerisch, dass man nicht viel von der Umgebung gesehen hat. Chaitén wurde 2008 durch einen Vulkanausbruch zum größten Teil zerstört.

Wir fuhren weiter zum Queulat National Park mit dem hängenden Puyuhuapi Gletscher. Die gesamte Umgebung ist unbeschreiblich grün mit den Bäumen und dem Moos. Kein Wunder, zählt die Gegend auch zu den Gebieten mit dem meisten Niederschlagsmengen weltweit.

Hier muss ich mal einen kurzen Exkurs zu meiner Ausrüstung machen. Mit Fototaschen und Rucksäcken tue ich mich immer schwer. Bisher hatte ich nie das Gefühl, es gibt den perfekten Rucksack fürs Wandern mit Fotoequipment. Vor dem Trip hatte ich mir die Rucksäcke von Mindshift genauer angeschaut und mich für den Rotation 180° Professional entschieden. Für mich ein perfekt sitzender, sehr praktischer Rucksack, dem man auch mit angesetzter Regenhaube einfach das Equipment entnehmen kann. Passt auch ins Handgepäck.

Je weiter wir in den Süden fuhren, desto schöner wurde das Wetter. Rund um den Lago Gral Carrera scheint recht häufig die Sonne, es gibt rund um den See wohl eine besonderes Kleinklima, das für das schöne Wetter verantwortlich ist. Hier zeigte sich Patagonien mit den Bergpanoramen von seiner schönsten Seite. Der See sieht auch im Original wie gephotoshoppt türkis aus.

Ganz um den See hatten wir es an diesem Tag nicht geschafft, wir übernachteten in Puerto Rio Tranquilo am See. Dort wollten wir eigentlich nur tanken, leider hatte die Tankstelle kein Benzin mehr. Also mussten wir bis zum nächsten Morgen warten. Überhaupt kann man sagen, dass Patagonien eher eine dürftige Infrastruktur hat, man sollte genau planen, wann und wo man tankt und auch die Einkaufsmöglichkeiten sind beschränkt. In den Supermärkten abseits der Städte gibt es nicht viel, besonders die Obst und Gemüseauswahl ist oft sehr beschränkt. Es ist auch wirklich sinnvoll ein Allradfahrzeug zu nutzen, ist die Carratera Austral schon oft eher ein kleiner Schotterweg oder je nach Wetter eine Schlammpiste, dann kann man sich vorstellen, wie die Nebenstrassen ausschauen.

Ganz am Ende des Sees, an der Grenze zu Argentinien, liegt Chile Chico. Von hier aus kann man  einen kurzen Ausflug in das wunder schöne Valle de Luna machen oder nach Argentinien weiterfahren. Wie fuhren weiter nach Argentinien, ab hier kommt man nur noch im Zickzackkurs Richtung Süden. Man fährt den ganzen Tag durch die Steppe, sieht viele Guanakos und Emus und auch mal den ein oder anderen kleinen Schakal. Guanakos sind die Wildform der domestizierten Lamas und Lieblingsspeise des Pumas. Es gibt wirklich viele davon, wir sahen riesige Herden. Leider sahen wir auch viele Tiere verendet in den Zäunen an der Strasse hängen. Nicht alles schaffen den Sprung über den Zaun. Wir hatten dass Gefühl dass überall diese Tiere sind, aber es gibt wohl mittlerweile nur noch ein Zehntel des ursprünglichen Bestandes, da sie sehr stark bejagt wurden.

Bis hierher empfanden wir Patagonien als recht menschenleer, man konnte 4 Stunden fahren ohne überhaupt jemanden zu sehen. Dann kamen wir nach El Chaltén, ein Backpackerhostspot. Eigentlich ein recht kleiner Ort, Ausgangspunkt für Treckingtouren zu Fitz Roy, einem patagonischen Wahrzeichen und Traum eines jeden Bergsteigers. Wir hatten leider nicht das Vergnügen, da es so bewölkt war, so dass man den Fitz Roy nur erahnen konnte. Allerdings hatten wir das zweifelhafte Vergnügen El Chaltén zu erleben, täglich werden dort mehrere Busladungen Backpacker ausgespuckt, entsprechend sehen die Campingplätze aus und auch der Rest des Ortes. Hat so ein bisschen was von Ballermann für Wanderfreunde. Total überlaufen mit feierfreudigem Wanderpublikum.

Wir haben deshalb hier nur eine kleine Tour gemacht und sind auf einen Schwarm Felsensittiche gestoßen. Danach fuhren wir weiter zum Perito Moreno Gletscher, den ich jetzt auch von meiner Bucket-Liste streichen kann. Der Gletscher ist mit seiner bis zu 70 m hohen Eiswand so ziemlich das beeindruckendste, was ich bisher in meinem Leben gesehen und gehört habe. Jawohl „gehört“, denn der Gletscher grollt und knirscht die ganze Zeit richtig laut und in regelmäßigen Abständen fällt Eis von der Kante ins Wasser. Tatsächlich ist der Perito Moreno einer der wenigen Gletscher die wachsen und nicht schrumpfen.

Danach ging weiter in den Süden und so langsam neigte sich die Reise dem Ende zu. Wir machten einen Stopp im Gebirgsmassiv Torres del Paine. Torres del Paine ist ein weiteres Superlativ für Trekkingfreunde, denn hier kann man einen der schönsten und bekanntesten Trekkingpfade der Welt gehen: Den W-Treck, eine 100km-Fünf-Tagestour mit Zelt. Die ganz Harten machen den O-Treck, der geht dann acht Tage. Der W-Treck ist ein Muss für Treckingfreunde, eigentlich wollten wir den auch gehen. Mittlerweile ist der aber so überlaufen, dass man vorbuchen muss um dort wandern zu dürfen. Allerdings sind die Übernachtungen auf den Tour-Campingplätzen sind einfach nur teuer.

Wenn man sich vorher einliest sieht es so aus, als könne man dort nur diesen Weg laufen und ohne Vorbuchung kommt man überhaupt nicht in den Park. Das ist allerdings Humbug, wir fuhren einfach rein und übernachteten auf dem Pehoe Campingplatz. Dort kann man bequem mit dem Camper stehen. Zudem war es noch der schönste und sauberste Campingplatz während der ganzen Reise. Wandern kann man dort auch ohne die großen Wandertouren zu gehen. Z.B. der wunderschöne Condorwalk oder eine richtig gute Tour am Eingang Laguna Amarga. Innerhalb des Parks kann man größere Strecken mit dem Fahrzeug überbrücken. Die Aussicht zu den drei Spitzen des Torres kann man auch auch ohne W-Treck erwandern, das ist vom Hotel Torres aus eine Halb-Tagestour.

Torres Massiv mit Grey Gletscher
Ausblick vom „Condor Walk“

Kurz bevor wir zum Ende unserer Reise nach Punta Arenas fanden wir noch ein kleines Juwel, einen Campingplatz in einem Seitental in der Nähe der Cueva Mildon bei Purto Natales. Der Campingplatz gehört einem Hazienda-Besitzer, im Sommer campen hier meist nur Einheimische. Zu der Hazienda gehört einer der schönsten Wanderwege, die wir während der Reise gelaufen sind. Es ging hoch ins Bergmassiv unterhalb der Abruchkante eines riesigen Felsens entlang und auf der anderen Seite wieder herunter. Tolle Aussicht, viele Kondore und sogar ein kleiner Wasserfall. Steht im keinen Reiseführer, vielleicht ist es deshalb so schön da.

Links unten befindet sich der Campingplatz

In der Hafenstadt Punta Arenas endet unsere Patagonienreise. Sehr viel bietet die Stadt (in meinen Augen) nicht, in Reiseführern wird sie als sehenswert und lebendig beschrieben. Die Blütezeit hatte sie in der Vergangenheit, wo die Schafzucht die Hazienda-Besitzer zu unglaublichen Reichtum führte. Der Friedhof mit den großen Mausoleen zeigt das im Ansatz. Von hier aus flogen wir zurück nach Santiago und schauten uns noch Valparaiso an.

Ein paar Infos für die Reisefreunde unter euch:

Chile ist preislich in etwa genauso teuer wie Deutschland. Wickedcamper war die günstigste Möglichkeit für uns durch das Land zu reisen. Sobald man ein Allradcamper sucht, gibt es sicher auch andere Anbieter in einem vergleichbaren Preisrahmen. Wild campen ist erlaubt (nicht in den Nationalparks), aber es gibt auch eine gute Camping-Infrastruktur. Vier Wochen ist für diese Strecke viel zu kurz, das nächste Mal würde ich mir dafür ein halbes Jahr Zeit nehmen.

Die Kamera, die ich am häufigsten im Einsatz hatte war die Sony RX100V. Mit ihr habe ich meist gefilmt und auch viel fotografiert. Alles andere fotografierte ich mit der Sony A7RII und Zeis Batis 18/2.8, Zeiss Batis 25/2, Zeiss 55/1.8 und Canon 70-300/4-5.6L USM. Gefilmt habe ich meist mit einem Gimbal Stabilizer, dass ist viel bequemer und besser als ein Stativ oder aus der Hand. Der Film folgt:-).